Monday, March 15, 2010

Uwe Johnson: Jahrestage

Über 1700 Seiten Literatur zu lesen, das dauert auch schon einmal ein paar Monate. Ziemlich genau vom 16.10.2009 bis zum 10.3.2010 hatte ich das Vergnügen, Uwe Johnsons Roman "Jahrestage" zu lesen.

Was für ein Buch. Kompromisslose 365 Kapitel, eines pro Tag der Erzählzeit, und eine asymptotische Annäherung zweier gleichzeitig sowohl aufeinander folgender als auch miteinander verwobener Geschichten. Vergleiche drängen sich auf: Buddenbrooks wegen des Umfangs und der Art der Geschichte, Grass wegen der Sprachgewalt.

Da wird also eine Familiengeschichte detailreich und über etliche Jahrzehnte hinweg erzählt, in New York (jetzt: 1967/8) und Mecklenburg (sich dem Jetzt vom Damals her annähernd). Ereignisse aus dem Damals hinterlassen ihren Abdruck im Jetzt – die Figuren haben ihre Biographien und sind glaubwürdig.

Grass' Sprache ist "saftiger" und spricht mehr die Sinne an. Bei Johnson ist alles wie in Stahl gestochen, ohne trotz aller Präzision nüchtern und kalt zu erscheinen.

Ganz nebenbei liefert das Buch auch noch einige Hinweise auf Aufrichtigkeit und Rückgrat – in beiden totalitären deutschen Staaten. Auch das wird immer mit einem gewissen ironischen Mindestabstand erzählt, der Moralinsäure verhindert.

Ein tolles Buch, ein spanndes Buch, ein interessanter Schriftsteller, von dem noch mehr zu lesen sein wird.

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