Sunday, November 18, 2007

Dawkins bei Kerner

The God Delusion von Richard Dawkins ist unbedingt lesenswert, egal auf welcher Seite man steht. Für Anhänger der "Church of Dawkins" ist es das heilige Buch, dessen Wortlaut nicht in Zweifel zu ziehen ist, für alle anderen Gläubigen ist das - übrigens wirklich wunderbar geschliffen und argumentativ scharfkantig sowie sprachlich brilliant geschriebene - Buch eine hervorragende Quelle von Informationen darüber, wie die "Gegenseite" tickt. Meine Empfehlung gilt wirklich uneingeschränkt allen, die sich mit Glauben in dieser oder jener Form auseinandersetzen.

Nicht dass man mich missversteht. Dawkins' Thesen sind zwar brilliant vorgetragen und argumentiert, sind auch (bewusst, wie im Vorwort nachzulesen ist) provokant formuliert, aber hin und wieder sind sie dann doch eher von der Art, dass man sich wundern muss, ob es dem Autor beim Schreiben noch ganz gut gegangen sein könne. Dass eine katholische Erziehung Kindesmissbrauch gleichzusetzen sei, ist ein schönes Beispiel. Da gehen Dawkins die sprichwörtlichen Pferde durch, und statt einer provokanten und diskussionswürdigen - weil zum Nachdenken anregenden - These bringt er nur eine Stammtischparole: platt und polemisch ist das, weiter nichts.

Auch argumentiert er - mit der üblichen Eloquenz -, dass es keine Beweise für die Existenz eines wie auch immer gearteten Gottes gebe, und dass man deshalb als vernünftiger Mensch nicht an so etwas glauben solle. (Als kleine Spitze führt er dann noch den geringen Prozentsatz der Religiösen unter den Nobelpreisträgern an, als wenn das irgend etwas beweisen würde. Die entsprechenden Textstellen sind geschickt so formuliert, dass impliziert wird, ein religiöser Mensch könne halt einfach keine herausragenden geistigen Leistungen erbringen. Noch eine Stammtischparole.) In einem der Kernkapitel des Buches - Why there almost certainly is no God - legt er dann auch dar, dass die Wahrscheinlichkeit für die Existenz einer solchen Entität verschwindend gering sei.

Alle für unheilbar krank Gehaltenen, die dann unverhofft doch noch gesund wurden, mögen sich die Konsequenzen vor Augen führen.

Deutlicher: eine geringe Wahrscheinlichkeit beweist auch nicht viel. Sie lässt immer noch einen Spielraum, und letztlich obliegt es jedem Einzelnen, sich zu entscheiden, welcher Seite er nun zuneigt.

Nun war Richard Dawkins also bei Johannes B. Kerner in der Talkshow eingeladen. Da das ZDF mit den "GEZ-Gebühren" auch Anständiges anstellt, kann man sich die gesamte Sendung nach wie vor ansehen. Die übrigen Diskussionsteilnehmer waren Heiner Geißler, Weihbischof Hans-Jochen Jaschke (katholisches Erzbistum Hamburg) sowie Bischof Wolfgang Huber (EKD).

Die Runde war also sehr unausgewogen besetzt. Dawkins war allein auf weiter Flur und hatte gewissermaßen niemanden, der ihm hin und wieder mal die Stange gehalten hätte. Das war schon ziemlich unfair eingefädelt.

Nun traut man Dawkins aber, wenn er auch nur halb so scharfsinnig ist wie sein Buch daherkommt, ohne weiteres zu, dass er auch live mit großer Eloquenz und sehr geschliffen argumentieren kann. Kann er auch, das war in der Sendung deutlich zu sehen. Leider ist es aber bei drei Diskussionsgegnern und einem voreingenommenen Moderator selbst für einen wie Dawkins sehr schwer, ein gutes Bild abzuliefern.

Kerner hat seine Sache aber auch wirklich nicht gut gemacht. Viele interessante Diskussionen wurden im Keim erstickt, was vermutlich der Sendezeit geschuldet war. Auch war der Stil, einzelne Zitate aus Dawkins' Buch zu extrahieren und als Diskussionsgegenstand in den Raum zu stellen, etwas zweifelhaft. Es kommt bei sowas schnell der Verdacht auf, die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen.

Tatsächlich ist letzteres nur begrenzt der Fall. Die verwendeten Zitate stellen jeweils typische Vertreter von Dawkins' Thesen dar, die in seiner typischen Art zugespitzt formuliert sind und in dieser knappen Form durchaus auch ihrem Inhalt und einem Gebrauch als Diskussionsgegenstand gerecht werden. Das Unfaire an der Sache ist, dass die Argumentationsgebäude hinter den Thesen halt recht umfangreich sind und in der Kürze der Zeit kaum adäquat dargestellt werden können.

Die Sendung war also vom Verlauf her insgesamt eher unbefriedigend. Ich hätte mir erheblich mehr Zeit, eine ausgewogenere Besetzung und eine neutrale Moderation gewünscht. Inhaltlich war es aber doch erfrischend, dass Dawkins auf ebenbürtige Gegner getroffen ist. Die Bischöfe Huber und Jaschke sind ebenso scharfkantig in ihrer Argumentation wie Dawkins und haben ihm den Abend damit durchaus nicht leichter gemacht.

Die Nachwehen der Sendung durchziehen die Netzwelt.

Die diversen Foren u.a. der verschiedenen Sektionen des Christentums sehen ihre Vertreter natürlich im besten Licht (wahllos herausgepickte Quelle). Dawkins irrt natürlich in allen Fragen, ist ein gar böser Antichrist oder so, wird ausfallend ("Nonsense!", "Rubbish!") und was dergleichen mehr an Anwürfen noch vorrätig ist.

Es war eigentlich nicht anders zu erwarten. Das Establishment wehrt sich mit einer gewissen Bräsigkeit und lehnt sich selbstgefällig lächelnd zurück. (Was man in der Sendung, besonders bei den beiden Bischöfen, auch live beobachten konnte.)

Die diversen Foren u.a. der verschiedenen Sektionen der "Church of Dawkins" sehen ihren Vertreter natürlich im besten Licht (wahllos herausgepickte Quelle). Klar haben Geißler, Huber, Jaschke und Kerner ihn nur in Grund und Boden geredet, ohne ihn jemals ausreden oder einen Gedanken zu Ende zu führen zu lassen. All ihre Argumente entbehren selbstverständlich jeder Grundlage, und natürlich ist ihre Argumentation unsachlich, persönlich und - o Weh! - man wirft ihm auch noch Antisemitismus vor, und sowas geht ja schon mal gar nicht in unserer heutigen Medienlandschaft. Neihein. (Dass Bischof Huber den Begriff "Antijudaismus" verwendet hat, und dass er dafür - man schaue sich die Sendung an - durchaus eine logisch nachvollziehbare Begründung hatte, ist natürlich egal.) Mitunter findet man sogar die mitfühlende Bemerkung, Dawkins sei am fraglichen Abend gesundheitlich nicht auf der Höhe gewesen, das habe ja kaum anders verlaufen können.

Es war eigentlich nicht anders zu erwarten. Die armen Unterdrückten quengeln weinerlich umeinand' und lamentieren über die Schlechtigkeit der Welt.

So sind nun also die Fronten nach der Sendung die gleichen wie vorher. Auf keiner Seite hat sich etwas geändert. Das war doch irgendwie auch klar, oder?

Was für eine Lehre soll man nun daraus ziehen? Dass die jeweils Anderen unbelehrbare Spinner sind? Bitteschön, auch das hat man vorher gewusst.

Eigentlich könnte man sich auch gegenseitig einfach in Ruhe lassen.

2 comments:

  1. Anonymous14:22

    ...ich habe den Kommentar nur bis zum Kindesmissbrauch durch kath. Erziehung gelesen.
    Dawkins betrachtet religiöse Erziehung als Missbrauch bzw. Vergewaltigung, wenn sinnlos Ängste erzeugt werden. Immerhin verweist er auf Fälle, wo z.B. ein kleines kath. Mädchen, welches eine tödlich verunglückte ungetaufte Freundin hatte,sich täglich grämt, weil sie denkt, dass die Freundin in der Hölle brennen muss.
    Auch wenn der religiöse Wahn hier in Deutschland nicht ganz so schlimm ist, sieht es in Amerika schon wieder ganz anders aus.
    Vielleicht wollten Sie das Buch nicht verstehen, ist im Prinzip auch naheliegend, das nennt sich kognitive Dissonanz...
    Vielleicht beschäftigens Sie sich mal intensiver mit Dawkins' Werken und nehmen noch Deschner dazu.

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    1. Donnerwetter, dass das nach so langer Zeit überhaupt noch jemand liest ... :-)

      Danke für Ihren Kommentar zu meinem Kommentar. Mir ist bewusst, dass sich Dawkins besonders gegen bestimmte auf dem nordamerikanischen Kontinent stark vertretene Spielarten des Christentums wendet. Oder anwenden lässt. Diese sind aber nur besonders "dankbare" Ziele; Dawkins macht es eigentlich regelmäßig klar, dass er sich nicht nur gegen das Christentum, sondern gegen Religion in allen Facetten wendet.

      Falls Sie meine persönliche Einstellung dazu interessiert, sei es hiermit gesagt: wer sich auf christliche Werte beruft und von sich sagt, er erziehe seine Kinder in dieser Weise, begeht einen Fehler, wenn er damit Angst einflößt.

      Sie unterstellen mir, Dawkins' Buch nicht verstanden gewollt zu haben. Mit anderen Worten, ich sei nicht etwa zu doof, sondern zu verbohrt. Also werfen Sie mir nicht Unvermögen vor, sondern Unredlichkeit. Warum müssen Sie gleich persönlich werden? Das ist ein Stil, der bei Dialogen zwischen Religiösen jederlei Art leider gar zu oft Anwendung findet, und er sagt viel über den Anwender aus. In diesem Fall über Sie. Unter dem Deckmäntelchen der Anonymität ist das natürlich jederzeit bequem möglich. Aber nicht besonders stilvoll.

      Sie haben sich nach eigener Auskunft noch nicht einmal meinen Kommentar komplett durchgelesen. "Vielleicht wollten Sie [das nicht], ist im Prinzip auch naheliegend, das nennt sich kognitive Dissonanz ..." Quelle siehe oben.

      Von Dawkins habe ich tatsächlich das Eine oder Andere gelesen, durchaus mit Gewinn (wie ich deutlich gemacht zu haben hoffte). "The Selfish Gene" ist eine wunderbar luzide Erklärung evolutionärer Mechanismen. Was ich von Deschner gelesen habe, hat mich in vieler Hinsicht amüsiert; dass der Rowohlt-Verlag für Tausende von Seiten mit 90 % Geifern und 10 % Inhalt zur Verfügung steht, ist betriebswirtschaftlich gesehen ein interessanter Sachverhalt.

      Was haben Sie denn so von der "Gegenseite" gelesen? Irgend eine der Repliken auf Dawkins vielleicht? Die von McGrath/McGrath, oder die von Wiker/Hahn? Oder den Sammelband mit Aufsätzen über die wissenschaftliche Qualität der Arbeiten des sich als Historiker gerierenden Deschner? Der Anstand und die intellektuelle Redlichkeit würden es gebieten. Einseitigkeit ist ein Faktor, der auf Verbohrtheit hindeutet.

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