Wednesday, October 03, 2007

Hans Rott in Berlin

Letzten Samstag war ich endlich wieder einmal in der Berliner Philharmonie. Diesmal spielten die Philharmoniker selbst unter der Leitung von Neeme Järvi.

Vor der Pause gab es, mit Hélène Grimaud als Solistin, das dritte Klavierkonzert von Béla Bartók. Das hatte ich noch nie vorher gehört - aber ich werde es wohl noch mehrmals hören müssen. Wegen der Fülle der Eindrücke, die erst noch sortiert werden müssen, kann und will ich zu diesem Teil des Konzerts nicht viel sagen. Die Musik hat mich begeistert, die Philharmoniker sowieso, Grimaud erst recht und Järvi auch.

Der Grund für den Weg nach Berlin war die nach der Pause gespielte Symphonie in E-Dur von Hans Rott, die mir seit etlichen Jahren in Form der einen oder anderen CD-Einspielung bekannt ist, die aber recht selten auf Spielplänen zu finden ist. Dass nun ausgerechnet die Berliner Philharmoniker, also das Orchester, dem Werk die Ehre geben, ist allemal ein Grund, Geld für Eintrittskarten auszugeben.

Die Aufführung hat mir geholfen, Antworten auf ein paar Fragen zu finden, die ich an das Werk hatte.

Zunächst: Ist die Instrumentierung wirklich so gestaltet, dass das Blech permanent den Orchesterklang dominiert, oder ist einfach die BIS-Einspielung (mit Leif Segerstam als Dirigent) schlecht abgemischt und die anderen beiden mir bekannten Einspielungen (erschienen bei Hyperion und cpo) machen es besser? - Zu Gunsten von BIS muss ich zugeben, dass Rott es mit der Instrumentierung etwas übertrieben hat. Das Blech ist wirklich dominant; die Partitur sieht es so vor. Immerhin haben die Streicher der Berliner ihren Teil dazu beigetragen, dass der Klang insgesamt etwas ausgewogener war als bei BIS. (Im Übrigen könnte man die Symphonie wohl auch, ohne Verluste befürchten zu müssen, in Konzert für Pauken, Triangel und Orchester umbenennen.)

Dann: Ist der zweite, langsame Satz wirklich so langweilig, wie er bei Segerstam klingt? - Nein, nein, nein! Järvi bringt, übrigens in allen vier Sätzen, durch insgesamt fließende Tempi die in der Musik schlummernde Bewegungsenergie zu Gehör. Besonders im zweiten Satz sind mir reihenweise Lichter aufgegangen; das ganze Satzgefüge wurde plötzlich viel klarer.

Schließlich: Ist das Scherzo wirklich spielbar? - Ja, offenbar. Das heißt, natürlich war das vorher klar, aber diese irrwitzige Musik einmal in einer Aufführung live gespielt erleben zu können ist schon was Neues.

Unterm Strich kann ich nur sagen, dass diese Aufführung von Rotts Symphonie eine ganz runde Sache war. Musikalisch sowieso hervorragend dargeboten, hat sich mir die Musik ganz anders erschlossen als zuvor.

Järvis Dirigat ist auch unbedingt einer Erwähnung wert. So unprätentiös, souverän und ruhig, dabei aber offenbar von der Musik mehr als nur begeistert habe ich schon lange keinen mehr dirigieren sehen.

Kommen wir zum Wermutstropfen oder meinetwegen der anderen Seite der Medaille.

Rotts Musik ist ja nun nicht die eines abgeklärten Spätbrahms oder -bruckner, sondern die Symphonie wurde von einem Zwanzigjährigen geschrieben. Dass da hin und wieder auch der Übermut mit dem Komponisten durchging, ist eigentlich nur verständlich. Dieser Übermut zeigt sich bei Rott weniger in der Form der einzelnen Sätze und des Gesamtwerks, sondern vielmehr in der Instrumentierung (siehe oben) oder, besonders deutlich, daran, dass im Finale die Gewalten zu immer höheren Gebirgen sich auftürmen und schier kein Ende finden. Platt formuliert heißt das: es wird lang und laut.

Zwei Reihen hinter mir saß nun ein schlichtes Gemüt, das offenbar nicht zu mehr in der Lage war als zu eben jener platten Wiedergabe komplexerer Sachverhalte. Unmittelbar nach dem Verklingen der Musik hatte dieser Mensch nichts besseres zu tun, als in die gehaltene Spannung und Stille hinein laut zu verkünden, wofür er das eben Gehörte hielte: "So ein Schmarrn."

Eintrittskarten bei den Berliner Philharmonikern bekommt eben jeder, der das Geld dafür auf den Tisch legt, ob er nun den geistigen Entwicklungsstand und das reife Benehmen für einen Konzertbesuch mitbringt oder nicht. Abgesehen davon, dass dieser kulturelle Einzeller offenbar noch viel zu lernen hat, würde ich ihn gern einmal treffen; ich habe noch ein paar kostenlose Invektiven für ihn.

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